Bereitschaftspraxis für Gesamtlandkreis kommt zum 12. Januar 2017

30.09.2016
Die Einrichtung einer Bereitschaftspraxis für den gesamten Landkreis, angegliedert an die Helios-Klinik Erlenbach, wird zum 12. Januar 2017 umgesetzt. Das haben die Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) am Mittwoch in der Sitzung der des Gesundheitsforums der Gesundheitsregion plus bekanntgegeben. Damit wird den Zielen der Gesundheitsregion im Landkreis Miltenberg widersprochen, wie Landrat Jens Marco Scherf mit Verweis auf die Beratungen seit Mai 2015 feststellte. Die Odenwald-Allianz, die zusammen mit den Ärzten des Südlandkreises eine weitere Bereitschaftspraxis in Miltenberg errichten möchte, hatte die Diskussion beantragt und will laut Bürgermeister Peter Schmitt dennoch an ihren Plänen festhalten.

Gesundheitsregion plus Miltenberg

Landrat Jens Marco Scherf zufolge sei die Einrichtung der Bereitschaftspraxis in Erlenbach im April 2015 bereits Thema in der ersten Sitzung des Gesundheitsforums am 20. Mai 2015 gewesen. Der Erfolg dieser Praxis sei überwältigend, was man an den Patientenzahlen sehen könne. In der Folge habe die Arbeitsgruppe „Gesundheitsversorgung“ Prioritäten ihrer Ziele gesetzt: Eine höhere Zahl von Kinderärzten und Besetzung der offenen halben Stelle für einen Kinderarzt, die Einrichtung einer Bereitschaftspraxis auch im Süden des Landkreises sowie die verstärkte Gewinnung von Hausärzten. Den halben Kinderarztsitz habe man inzwischen besetzt. Zur Hausärztegewinnung habe man vor kurzem einen Weiterbildungsverbund gegründet.

In der Sitzung der Arbeitsgruppe am 13. Januar 2016 habe die (KV) die Zusammenlegung der beiden Bereitschaftsdienstgruppen Amorbach und Miltenberg und gleichzeitig deren Andocken an die Bereitschaftsdienstpraxis in Erlenbach angekündigt. Michael Heiligenthal (KV) habe erläutert, dass die Belastung der Ärzte durch den größeren Zuschnitt sinken werde. Das sei auch im Hinblick auf die Gewinnung des Hausärztenachwuchses wichtig. Ein weiterer Bereitschaftsdienststandort im Süden würde die Belastung der Ärzte steigern. Damals habe es in der Gruppe keinen Widerspruch gegeben, so Scherf.

Im Gesundheitsforum am 9. März 2016 habe Dr. Andreas Morgenroth erläutert, dass es am 1. April 2016 zur Zusammenlegung der Bereitschaftsdienstgruppen kommen werde. Darüber habe es Unmut bei einigen Ärzten gegeben, den Kollegen sei aber klar, dass der Zusammenschluss unausweichlich sei. Auf Antrag von Bürgermeister Stefan Schwab (Kirchzell) war laut Scherf damals angeregt worden, den Zusammenschluss auf Ende 2017 zu verschieben. Erreicht wurde dank des persönlichen Einsatzes von Wolfgang Zöller aus der Steuerungsgruppe der Gesundheitsregion plus eine Verschiebung bis Anfang 2017.

In der Sitzung der Arbeitsgruppe am 6. April 2016 habe die Odenwald-Allianz ihr Projekt „Gesundheitszentrum“ vorgestellt und die Ärzte hätten in dieser Sitzung fachlich über die Zusammenlegung diskutiert, zitierte Scherf aus dem Protokoll.

Am 9. September 2016 habe sich Franz-Josef Zöller im Namen der Senioren-Union an die Arbeitsgruppe mit dem Wunsch gewandt, man möge den Wunsch der Odenwald-Allianz nach einer zweiten Bereitschaftspraxis in Miltenberg unterstützen.

Amorbachs Bürgermeister Peter Schmitt erklärte am Mittwochabend im Namen der Odenwald-Allianz, dass man zusammen mit den Ärzten im Südlandkreis ein Modell für eine solche Bereitschaftspraxis erarbeitet habe. Er, Schmitt, habe die KV bereits am 26. Juni 2013 noch vor Gründung der Odenwald-Allianz um den Aufschub dieser Reform gebeten, denn es sei gelungen, für die Dienstgruppe Amorbach eine Alternativlösung auf den Weg zu bringen. Die Odenwald-Allianz habe schließlich die wohnortnahe Gesundheitsversorgung als zentrales Handlungsfeld definiert. Auf ein Schreiben der KV hin, dass die Dienstgruppe aufgelöst werden soll, habe er, Schmitt, der KV mitgeteilt, dass die Odenwald-Allianz mit den Ärzten ein Konzept erstelle, das über ein Ärztehaus hinausgeht. Bei Gesprächen im Gesundheitsministerium habe dieses den innovativen Ansatz des Konzepts festgestellt und es als vorstellbar bezeichnet, einen Teil als Pilotprojekt zu unterstützen. Die KV habe aber erneut die Pläne abgelehnt, bedauerte Schmitt. Eine Unterschriftenaktion zusammen mit der Ärzteinitiative Miltenberg/Amorbach für eine zweite Bereitschaftspraxis in Miltenberg habe mittlerweile 1879 Unterschriften erbracht, sagte Schmitt. Man sei sich einig, dass eine einzige Praxis den Süden ausdünnen würde.

Von den von der Allianz 38 angeschriebenen Ärzten in den Gruppen Miltenberg und Amorbach habe man 21 Rückmeldungen bekommen. Dabei hätten 20 Ärzte die Zuweisung nach Erlenbach abgelehnt. Die noch fehlenden Rückmeldungen von 17 Ärzten hole man zurzeit ein. Eine Bereitschaftspraxis in Miltenberg könne sich die Allianz als KV-Praxis vorstellen, aber auch in kommunaler Trägerschaft. Zudem habe man bereits mit Helios Kontakt aufgenommen, ob eine Praxis am Krankenhaus in Miltenberg vorstellbar wäre. Da man die Mindestanzahl von 15 Ärzten habe, die für eine Bereitschaftsdienstgruppe notwendig sind, wäre dies kein Problem. Gesetzlich sei auch nicht festgelegt, dass eine Bereitschaftspraxis an einem Krankenhaus angesiedelt sein müsse, es heiße lediglich „soll“.

Wie Schmitt weiter sagte, entwickele die Odenwald-Allianz zurzeit das Projekt „Campus Go – Smarte Gesundheitsregion Bayerischer Odenwald“. Dabei gehe es um eine vernetzte Versorgung an den Standorten Amorbach und Miltenberg, denn auch in Amorbach sei ein Gesundheitszentrum in der Planung. Zum Projekt gehören beispielsweise die systematische Zusammenarbeit von allgemeinem und chirurgischem Bereitschaftsdienst sowie eine besondere Form der Betreuung von Patienten, die nach ihrer Versorgung im Bereitschaftsdienst nicht alleine zu Hause sein sollten. Man habe hierfür zahlreiche neue Konzepte erarbeitet – etwa ein an den medizinischen Bedürfnissen ausgerichtetes Mobilitätskonzept für die Gesundheitszentren in der Odenwald-Allianz.

Dr. Klaus-Dieter Brems stellte für seine Kollegen im Süden des Landkreises fest, dass diese bereit seien, eine Bereitschaftspraxis in Miltenberg mitzutragen. In den nächsten Jahren würden sieben von 39 Kollegen in Ruhestand gehen, sagte er, deshalb werde man keine Schwierigkeiten haben, den Notdienst auf Dauer zu besetzen.

Laut Dr. Christian Pfeiffer (KV) wird der Bereitschaftsdienst in Bayern seit 2012 neu strukturiert – stets begleitet von anfänglicher Skepsis. Ziel der KV sei ein Bereitschaftsdienst für ganz Bayern, aber auch die Hausarztversorgung zu den üblichen Zeiten. Das Konzept der Odenwald-Allianz könne er unterstützen, sagte Pfeiffer, der Bereitschaftsdienst müsse darin aber nicht enthalten sein. Das Problem sei die Gewinnung von Hausärztenachwuchs. Junge Ärzte hätten heute die Wahl, in ganz Deutschland Stellen zu suchen, die ihnen eine gute Work-Life-Balance ermöglichen und möglichst geringe Bereitschaftsdienstbelastungen garantieren. Zu der Bereitschaftsdienstreform gehöre auch ein strukturierter Fahrdienst, der aber nur in großen Regionen funktioniere. Miltenberg liege leider etwas ungünstig, denn im Südlandkreis lägen Bereitschaftspraxen in Erlenbach, Erbach, Buchen und Wertheim in etwa ähnlichen Entfernungen. Die Menschen würden stets dorthin fahren, wo sie gut hinkommen, so Pfeiffer.

Gökhan Katipoglu, Bereichsleiter der KV für den gesamten Bereitschaftsdienst in Bayern, berichtete von den Erfahrungen in anderen Landkreis, in denen Bereitschaftspraxen mit diensthabenden Ärzten in den Praxen und einem professionellen Fahrdienst eingerichtet worden seien. Nach einem Jahr könne man sagen: „Es läuft fantastisch“, bislang habe es keine einzige Patientenbeschwerde gegeben. Der Fahrdienst bringe die Ärzte zu den Patienten nach Hause, sagte er. Die Kombination von Praxisdienst und Fahrdienst greife super, so Katipoglu. Die Dienstbelastung trage dazu bei, dass sich junge Ärztinnen und Ärzte genau überlegen, wo sie sich niederlassen, stellte er fest. Ziel der KV sei auch die Gewinnung sogenannter Pool-Ärzte –nicht niedergelassene Ärzte, die per Vereinbarung am Bereitschaftsdienst teilnehmen. Zurzeit habe man 550 solcher Ärzte in Bayern, der Großteil zwischen 30 und 40 Jahre alt. Dr. Christian Pfeiffer ergänzte, dass der Arztberuf vor allem für Frauen attraktiv sei. Schon heute habe er mehrere Anträge von Frauen auf Befreiung vom Bereitschaftsdienst aus familiären Gründen.

Wie gut es an der Bereitschaftspraxis in Erlenbach läuft, belegte Dr. Reinfried Galmbacher mit Zahlen: An Wochenende kämen rund 100 Patienten, davon zwischen zehn und 15 Prozent aus Gemeinden außerhalb des Dienstbereichs. Nach sechs Quartalen habe man rund 10.000 Patienten gezählt. Es habe auch keinerlei Beanstandungen der KV gegeben.
Dr. Klaus-Dieter Brems berichtete, dass die Kollegen im Süden etwa zehnmal pro Jahr zu Bereitschaftsdiensten eingeteilt seien. Durch den Anschluss an Erlenbach sah er keine Entlastung in den Diensten, denn man müsse Praxis- und Fahrdienste leisten.

Gökhan Katipoglu kündigte an, vom 12. Januar 2017 an den Bereitschaftsdienst für den gesamten Landkreis in Erlenbach umzusetzen. Dann seien jeweils ein Diensthabender in der Praxis und zwei Fahrdienste im Einsatz. Vermutlich würde ein Fahrdienst ausreichen, aber das könne man immer noch im Laufe der Zeit regeln.

Eindringlich bat Franz-Josef Zöller darum, eine Bereitschaftspraxis im Süden einzurichten. Kilometermäßig müssten die Fahrdienste im geographisch ungünstig zugeschnittenen Landkreis viel fahren, sagte er. Er bat darum, das Bereitschaftsmodell im Südlandkreis wenigstens probeweise zu installieren. Falls das nicht gelinge, werde die Senioren-Union alles politisch Mögliche unternehmen, damit die jetzige Festlegung überdacht wird.

Stefan Schwab, Bürgermeister von Kirchzell, äußerte die Vermutung, dass die Randgemeinden im Landkreis ausgeblutet werden sollen. Das sehe man etwa im Rettungsdienst, wo die gesetzlichen Vorgaben der Hilfsfrist nicht erreicht würden. „Man rechnet damit, dass wir den Rettungsdienst und Ärzte aus benachbarten Bundesländern in Anspruch nehmen“, stellte er fest.

Landrat Jens Marco Scherf hielt aber fest, dass man in Sachen Rettungsdienst die Kapazitäten der Rettungswache Amorbach deutlich erhöht habe.
Auf die Frage von Matthias Grimm, Sprecher des Arbeitskreises Selbsthilfe und Gesundheit im Landkreis, warum die KV das neue Modell gegen den Willen von Ärzten und Patienten umsetzt, entgegnete Gökhan Katipoglu: „Wir haben nicht nur die aktuelle Situation im Blick, sondern auch die Gewinnung junger Mediziner für den Landkreis Miltenberg.“ Zur langfristigen Versorgung der Patienten ergebe eine einzige Bereitschaftspraxis in Erlenbach Sinn.

„Die Bereitschaftspraxis Süd scheitert an den derzeitigen Gegebenheiten“, stellte Landrat Jens Marco Scherf am Ende der Diskussion bedauernd fest.

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