Gesundheitsregion plus Miltenberg Gesundheitsregion plus Miltenberg

Ärztliche Versorgung: Kommunen können gute Rahmenbedingungen schaffen

28.10.2016
Auch wenn die Kassenärztliche Vereinigung (KV) für die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung zuständig ist, so können doch auch Kommunen dazu beitragen, Hausärzte für ihre Gemeinden zu gewinnen. Dieses Resümee hat Gunnar Geuter, Kommunalbüro für ärztliche Versorgung, bei einer Veranstaltung der Gesundheitsregionplus gezogen.

Gesundheitsregion plus Miltenberg

Vor über 30 Vertretern aus Reihen des Kreistags, der Bürgermeister und des ärztlichen Kreisverbands wies Landrat Jens Marco Scherf am Donnerstag im großen Sitzungssaal des Landratsamt darauf hin, dass die Gesundheitsregion plus kein Zauberstab sei, sondern vielmehr vom gemeinsamen Einsatz aller Beteiligten lebe. „Nur so sind Erfolge möglich“, wies Scherf auf einige bislang erzielte Erfolge hin - unter anderem auf die Besetzung der halben freien Kinderarztstelle und den gegründeten Weiterbildungsverbund für Allgemeinmedizin. Judith Seidel, Geschäftsführerin der Gesundheitsregion plus, gab den Gästen einen kurzen Überblick über die Organisation und die Ziele der Gesundheitsregion plus.

In seinem Vortrag erklärte Gunnar Geuter anschaulich die Grundlagen der vertragsärztlichen Bedarfsplanung, die Planungsbereiche der hausärztlichen sowie der fachärztlichen Versorgung. Demnach sei die Einwohnerzahl des Planungsbereichs die Grundlage für die Zahl der Ärztestellen. Hier komme der Verhältniszahl die entscheidende Rolle zu, erklärte er am Beispiel der Hausärzte: Hier werde pro 1671 Einwohner ein Hausarzt angesetzt. Diese Verhältniszahl werde um einen Demografiefaktor korrigiert. Der Versorgungsgrad liege bei 100 Prozent, wenn so viele Ärzte im Planungsbereich vorhanden sind wie vorgesehen. Bei über 110 Prozent gebe es keine Möglichkeit für neue Niederlassungen, stellte er fest. Dieser Wert liege im Bereich Miltenberg bei 110,9 Prozent, im Bereich Obernburg/Elsenfeld/Erlenbach bei 109 Prozent.

Die Verteilung der Ärzte in diesen Regionen sei aber sehr unterschiedlich, machte er an Karten des Gebiets deutlich. So zeigte er auf, dass beispielsweise der Südspessart große Probleme bekommen werde. Beim Blick auf das Alter der Hausärzte stellte er fest, dass etwa ein Drittel in einem Alter sei, in dem man über eine Nachfolgeregelung nachdenke.

Anhand von Statistiken machte er einen Wandel der medizinischen Gesundheitsversorgung aus. So sinke die Zahl der hausärztlichen Einzelpraxen seit vielen Jahren deutlich, die Zahl der hausärztlichen Gemeinschaftspraxen und der Medizinischen Versorgungszentren dagegen steige. Auch die Zahl der in Praxen und Einrichtungen angestellten Hausärzte nehme zu. Hoffnung mache die steigende Zahl der in Weiterbildung befindlichen Ärzte, auch wenn die absoluten Zahlen noch nicht ausreichten, um den Hausärztemangel zu kompensieren.

Laut Geuter steige für den Ärztenachwuchs der Stellenwert der Work-Life-Balance und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zudem sei eine hohe Nachfrage nach kooperativen Formen der Berufsausübung zu konstatieren. „So sind die Ärzte flexibler und minimieren ihr Risiko“, stellte Geuter fest. Aus all diesen Zahlen und Trends erkannte er die Notwendigkeit neuer Strategien und innovativer Formen der Berufsausübung, um die Versorgung in der Fläche wohnortnah sichern zu können. Solche neue Strukturen würden von der Bevölkerung angenommen, wenn die Praxen gut geführt seien, wusste der Fachmann. Einzelpraxen würden es zumeist sehr schwer haben, Nachfolger zu finden, vermutete Geuter. Der „Rat der Gesundheitsweisen“ sehe in der Etablierung von lokalen Gesundheitszentren für die Primär- und Langzeitversorgung hohes Potenzial, berichtete er.

Auch wenn die Kassenärztliche Versorgung für die Sicherstellung, Verbesserung und Förderung der ambulanten ärztlichen Versorgung zuständig sei, so hätten Kommunen die Möglichkeiten, durch die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen zur ambulanten medizinischen Versorgung beizutragen, sagte Geuter und riet den Kommunen, davon im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Gebrauch zu machen.

In begründeten Ausnahmefällen und mit Zustimmung der KV könnten kommunale Träger sogar Eigeneinrichtungen betreiben, zeigte Geuter auf, der aber nur einen einzigen Fall aus Schleswig-Holstein kannte. Auch könnten Kommunen ein Medizinisches Versorgungszentrum gründen – aber nur, wenn sie die notwendigen freien Arztsitze haben. Wenn eine Kommune so etwas plane, empfahl Geuter unbedingt die Abstimmung mit der Kommunalaufsicht, denn es gebe zahlreiche Fallstricke wie etwa das EU-Beihilferecht.

Für die Lösung der Besetzungsprobleme von Arztpraxen empfahl Geuter den Kommunen die Förderung und Umsetzung interkommunaler Strategien und das frühzeitige, fraktionsübergreifende Gespräch. „Laden Sie Ärzte zu vertraulichen Gesprächen ein und erklärten Sie, dass Sie sie unterstützen wollen“, riet er. Die Kommunen sollte sich kundig machen, welche Förderungen es gibt – etwa über die Dorferneuerung, die Städtebauförderung, das Regionalmanagement oder LEADER. Geuter beglückwünschte den Landkreis auch zur

Gründung des Weiterbildungsverbunds Allgemeinmedizin, denn die Flankierung junger Ärzte bei der Aus- und Weiterbildung sei extrem wichtig.

Geuter listete darüber hinaus einige Faktoren auf, die für junge Ärztinnen und Ärzte eine Niederlassung erleichtern: gute Rahmenbedingungen für Arztfamilien (Schul- und Betreuungsangebote, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten für Partner), berufliche Kontakt- und Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Ärzten und Gesundheitsberufen, Lebensqualität (Umfeld, Infrastruktur, ÖPNV, kulturelles und Freizeitangebot), Unterstützung bei der Ansiedlung im Rahmen kommunalrechtlich zulässiger Hilfen (Bereitstellung von mietgünstigen Praxisräumen, Aktivierung von Bauland, Unterstützung bei der Suche nach Investoren) sowie Entlastungs- und Unterstützungsangebote bei der Patientenversorgung (etwa Hol- und Bringdienste).

Anhand mehrerer Beispiele aus der Praxis stellte er Modelle innovativer und kooperativer Praxisformen vor, das Projekt Landarztmacher (www.landarztmacher.de), gut gemachte Broschüren zu Praxisnachbesetzungen sowie Beispiele für gemeindeübergreifendes Standortmarketing (www.landarzt-werden.de, www.aerztlich-willkommen.de).

In der anschließenden Diskussion meldeten sich zahlreiche Gäste zu Wort und sprachen unter anderem an, wie schwer es sei, Ärzte für die gemeinsame Nutzung eines Gebäudes zu gewinnen. „Nicht nachlassen und die Bemühungen der Stadt transparent machen“, riet Gunnar Geuter. Gemeinden sollten Geduld haben, riet auch Dr. Bernhard Decke (ärztlicher Kreisverband). Zu Klagen über zu starkes monetäres Denken der Ärzte und zu viel Bürokratie sagte Gunnar Geuter, dass für die meisten Ärzte das Einkommen nicht das Wichtigste sei. „Das Problem mit der Bürokratie wird allmählich besser“, so Geuter weiter, das Staatsministerium habe dies im Blick. Die Bürokratie sei für diejenigen Ärzte kein Problem, die Wert auf gut qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter legen, ergänzte er. „Kommunen können die Rahmenbedingungen schaffen, aber am Ende ist die KV für die Besetzung der Arztsitze zuständig“, fasste Landrat Jens Marco Scherf Vortrag und Diskussion zusammen. Es sei für ihn und die Gesundheitsregionplus wichtig zu wissen, wenn Ärzte in einer Kommune aufhören.

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